Viele Unternehmen haben das Problem noch immer nicht verstanden
Einleitung
Deutschland steht vor einer Entwicklung, die für Unternehmen wesentlich gefährlicher werden könnte als viele kurzfristige Wirtschaftskrisen: Uns gehen die Menschen aus, die unsere Unternehmen am Laufen halten.
In den kommenden Jahren verabschiedet sich eine ganze Generation aus dem Arbeitsleben. Die Babyboomer gehen in Rente und die Generationen, die nachrücken, sind zahlenmäßig deutlich kleiner. Nach aktuellen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden bis 2038 mindestens 3,8 Millionen Menschen zusätzlich das Rentenalter erreichen. Gleichzeitig wird die Zahl der Menschen im Erwerbsalter langfristig zurückgehen.
Das Problem lautet deshalb längst nicht mehr:
Wo finden wir den nächsten Mitarbeiter?
Die entscheidende Frage lautet:
Warum sollte ein guter Mitarbeiter überhaupt bei uns bleiben?
Die Babyboomer nehmen nicht nur ihren Arbeitsplatz mit
Wenn ein Mitarbeiter in Rente geht, verschwindet nicht einfach eine Personalnummer aus dem Organigramm. Mit ihm gehen Erfahrung, Wissen, Kontakte, Routinen und häufig jahrzehntelang aufgebaute Kompetenz.
Gerade deshalb wird der Renteneintritt der Babyboomer für Unternehmen zu einer enormen Herausforderung. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung warnt bereits heute davor, dass der Renteneintritt dieser Generation bis 2035 die Schwierigkeiten bei der Suche nach Fachkräften weiter verschärfen wird.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:
Diese Menschen lassen sich nicht einfach durch jüngere Mitarbeiter ersetzen.
Denn die nachfolgenden Generationen sind zahlenmäßig kleiner. Es reicht deshalb nicht mehr, Stellen auszuschreiben und darauf zu hoffen, dass sich schon jemand bewirbt.
Der Wettbewerb um Mitarbeiter wird härter.
Und Unternehmen werden sich daran gewöhnen müssen, dass Bewerber nicht mehr nur fragen:
„Was muss ich hier arbeiten?“
Sondern:
„Warum sollte ich ausgerechnet hier arbeiten?“
Deutschland kann nicht einfach darauf setzen, dass schon jemand kommt
Ein häufiger Reflex auf den demografischen Wandel lautet: Dann brauchen wir eben mehr Zuwanderung.
Zuwanderung ist zweifellos ein wichtiger Bestandteil der Lösung. Deutschland hat auch in den vergangenen Jahren erheblich von Einwanderung profitiert. 2024 kamen rund 430.000 Menschen mehr nach Deutschland als das Land verließen. 2025 ist dieser Wanderungsüberschuss allerdings deutlich auf rund 235.000 Personen gesunken.
Gleichzeitig verlassen auch Deutsche das Land. Im Durchschnitt wanderten in den vergangenen 20 Jahren jährlich etwa 134.000 Deutsche ins Ausland ab. 2024 betrug der Wanderungsverlust deutscher Staatsangehöriger gut 51.000 Personen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Jahr Millionen junger Deutscher auswandern. Diese Aussage wäre statistisch falsch.
Aber sie zeigt ein anderes Problem:
Wir können es uns nicht leisten, diejenigen zu verlieren, die bereits hier sind.
Und genau deshalb wird Mitarbeiterbindung zu einer strategischen Frage.
Wenn ein Unternehmen einen guten Mitarbeiter verliert, kann es künftig wesentlich schwieriger werden, Ersatz zu finden. Vielleicht ist der nächste Bewerber nicht mehr zehn Minuten entfernt. Vielleicht kommt überhaupt keiner.
Der Fachkräftemangel verändert damit auch die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt.
Gute Führung wird vom Soft Skill zum Wettbewerbsvorteil
Genau hier beginnt das Thema Führung.
Denn wenn Mitarbeiter knapp werden, können Unternehmen nicht mehr davon ausgehen, dass ein attraktives Gehalt allein reicht. Natürlich muss die Bezahlung stimmen. Aber Menschen entscheiden nicht ausschließlich nach Gehalt, ob sie bleiben.
Sie entscheiden auch danach, wie sie behandelt werden.
Ob ihr Chef ihnen vertraut.
Ob Fehler angesprochen werden können, ohne Angst haben zu müssen.
Ob Leistung gesehen wird.
Ob jemand zuhört.
Ob Versprechen eingehalten werden.
Und vor allem:
Ob man das Gefühl hat, dass die eigene Arbeit etwas wert ist.
Das ist keine romantische Vorstellung von Führung. Das ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wenn die Zahl der verfügbaren Mitarbeiter sinkt, wird jeder gute Mitarbeiter wertvoller. Und damit wird auch schlechte Führung teurer.
Ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter durch schlechte Führung vergrault, verliert künftig nicht nur einen Menschen. Es verliert Wissen, Erfahrung, Produktivität und möglicherweise einen Mitarbeiter, den es auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr ersetzen kann.
Der demografische Wandel macht deshalb aus einem alten Führungsproblem ein handfestes Geschäftsrisiko.
Fazit
Unternehmen müssen anfangen, um ihre Mitarbeiter zu kämpfen. Der demografische Wandel kommt nicht irgendwann. Er ist längst da.
Die Babyboomer gehen in den kommenden Jahren in großer Zahl in den Ruhestand. Die nachfolgenden Generationen sind kleiner. Gleichzeitig bleibt Deutschland auf Zuwanderung angewiesen und verliert trotzdem jedes Jahr auch Menschen durch Abwanderung.
Für Unternehmen bedeutet das:
Mitarbeiterbindung wird zur Überlebensfrage.
Wer gute Mitarbeiter heute noch für selbstverständlich hält, könnte morgen feststellen, dass er keinen Ersatz findet.
Deshalb sollten Unternehmer sich eine unbequeme Frage stellen:
Was tun wir eigentlich dafür, dass unsere guten Mitarbeiter gar keinen Grund haben zu gehen?
Denn in Zukunft werden nicht mehr die Unternehmen gewinnen, die die meisten Bewerbungen bekommen.
Es werden die Unternehmen gewinnen, bei denen die besten Mitarbeiter bleiben wollen.
Mit dem Wunsch, dass früh genug gehandelt wird, verbleibe ich mit besten Grüßen!
Ihr
Christian Milerski