Warum gute Mitarbeiter beim Gehalt oft auf der Stelle treten
Einleitung
Es gibt Mitarbeiter, die seit zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Jahren im selben Unternehmen arbeiten und trotzdem behandelt werden, als wären sie noch in der Ausbildung.
Sie haben ihre Ausbildung im Betrieb gemacht, kennen die Maschinen, die Kunden, die Abläufe und wahrscheinlich auch jede interne Abkürzung. Sie sind zuverlässig, erfahren und wissen genau, wo es Probleme gibt. Eigentlich müssten solche Mitarbeiter zu den wertvollsten Kräften im Unternehmen gehören.
Und trotzdem haben viele von ihnen ein Problem:
Sie schaffen es nicht, beim Gehalt wirklich voranzukommen.
Denn in den Köpfen mancher Arbeitgeber bleibt der Mitarbeiter der Azubi von damals. Und genau diese Wahrnehmung kann zur unsichtbaren Gehaltsbremse werden.
Wenn der Azubi von damals nicht zum Profi von heute wird
Das Problem beginnt häufig schon mit der Wahrnehmung. Wer seine Ausbildung im Unternehmen absolviert hat, wird über Jahre mit seiner ursprünglichen Rolle verbunden. Der Chef erinnert sich vielleicht noch daran, wie der junge Mitarbeiter seinen ersten Arbeitstag hatte, Fehler gemacht und nachfragen musste.
Was dabei leicht vergessen wird:
Dieser Mitarbeiter ist längst nicht mehr derselbe Mensch.
Aus dem Azubi ist ein Facharbeiter geworden. Aus dem Berufseinsteiger ein erfahrener Mitarbeiter. Er hat Verantwortung übernommen, Probleme gelöst, Kollegen eingearbeitet und vielleicht sogar Wissen aufgebaut, das für den Betrieb kaum zu ersetzen ist.
Doch während seine Leistung gewachsen ist, ist sein Gehalt manchmal nur langsam mitgewachsen.
Und dann kommt der Moment, in dem der Mitarbeiter mehr Geld fordert.
Plötzlich wird gerechnet: „Aber du hast doch damals schon bei uns gelernt.“ Oder: „Du verdienst doch schon mehr als am Anfang.“
Das stimmt. Aber es ist auch völlig irrelevant.
Die entscheidende Frage ist nicht, was jemand vor zehn Jahren verdient hat. Die entscheidende Frage ist, welchen Wert dieser Mitarbeiter heute für das Unternehmen hat.
Warum externe Mitarbeiter oft leichter mehr verdienen
Besonders interessant wird es, wenn gleichzeitig ein neuer Mitarbeiter eingestellt wird.
Der kommt vielleicht von einem anderen Unternehmen, bringt ähnliche Qualifikationen mit und bekommt zum Einstieg ein Gehalt, das deutlich über dem des langjährigen Mitarbeiters liegt.
Warum?
Weil der Neue nicht mit seiner Vergangenheit bewertet wird.
Er wird danach beurteilt, was er heute kann und welchen Preis der Arbeitsmarkt für diese Leistung verlangt. Der langjährige Mitarbeiter dagegen wird häufig anhand seiner bisherigen Entwicklung betrachtet.
Das ist ein gefährlicher Fehler.
Denn wenn ein Unternehmen seinen eigenen Mitarbeitern vermittelt, dass Loyalität nicht zu einer angemessenen Entwicklung führt, darf es sich nicht wundern, wenn diese Mitarbeiter irgendwann gehen.
Und dann passiert etwas Absurdes: Der ehemalige Azubi verlässt das Unternehmen und wird beim nächsten Arbeitgeber plötzlich angemessen bezahlt.
Der Betrieb verliert damit nicht nur einen Mitarbeiter. Er verliert Erfahrung, Wissen und Bindung und muss anschließend möglicherweise genau diese Erfahrung teuer zurückholen.
Fazit
Der ewige Azubi ist kein Mitarbeiter, der sich nicht weiterentwickelt hat. Oft ist es ein Mitarbeiter, dessen Entwicklung vom Unternehmen nicht richtig wahrgenommen wurde.
Wer Menschen über Jahre beschäftigt, darf sie nicht dauerhaft anhand ihrer Vergangenheit beurteilen.
Ein Mitarbeiter ist nicht das Gehalt, mit dem er einmal angefangen hat.
Er ist das, was er heute leistet.
Deshalb sollten Unternehmer regelmäßig prüfen: Passt das Gehalt noch zur heutigen Leistung, Verantwortung und Bedeutung des Mitarbeiters?
Denn wer seinen Mitarbeitern jahrelang sagt: „Du bist doch damals als Azubi zu uns gekommen“, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann ein anderer Arbeitgeber sagt:
„Ich sehe, was du heute kannst und genau dafür bezahle ich dich.“
Mit dem Wunsch, dass weniger ehemalige Azubis durch ein schlechtes Gehalt vergrault werden, verbleibe ich mit besten Grüßen!
Ihr
Christian Milerski