Das war schon immer so, ist jetzt vorbei
Einleitung
„Die Gen Z ist faul.“ Diesen Satz hört man mittlerweile fast überall. Junge Menschen wollen angeblich nicht mehr arbeiten, seien nicht belastbar und hätten keine Lust auf Verantwortung. Früher sei das alles anders gewesen: Da habe man gearbeitet, ohne ständig nach dem Warum zu fragen.
Ich halte diese Diskussion für zu einfach. Vielleicht ist die Gen Z gar nicht das eigentliche Problem. Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen, was wir mit der Arbeit gemacht haben und warum immer mehr Menschen keine Lust mehr darauf haben, wie Arbeit in vielen Unternehmen organisiert und geführt wird.
Sei mal etwas dankbarer
Vor ein paar Tagen habe ich auf Facebook ein Video gesehen. Darauf war zu sehen, wie jemand einen Flur streicht. Und soweit ich das beurteilen konnte, hat die Person das sogar ziemlich gut gemacht. Das Ergebnis sah ordentlich aus. Ich hätte jedenfalls kein Problem damit gehabt, dieser Person meine Küche zum Streichen zu überlassen. Was mich allerdings irritiert hat, war der Titel des Videos: „Mein Ausbildungsberuf ist Kfz-Mechatroniker.“ Die Kommentare darunter waren entsprechend. „Sei mal ein bisschen dankbar, dass du überhaupt eine Ausbildung machen darfst.“ „Du machst das ganz toll.“ „Anschließend noch eine Kiste Bier in den Aufenthaltsraum, und der Altgeselle braucht noch Kippen.“ Und natürlich durfte auch der Klassiker nicht fehlen: „Mussten wir damals auch, hat uns auch nicht geschadet.“
Ganz ehrlich: Ich verstehe es nicht. Wir sprechen ständig über den Fachkräftemangel. Unternehmen suchen händeringend Mitarbeiter. Offene Stellen bleiben teilweise monatelang unbesetzt. Auszubildende werden in vielen Branchen kaum noch gefunden. Unternehmen investieren erhebliche Summen in Recruiting, Employer Branding und Ausbildungsmessen, um junge Menschen überhaupt erst für sich zu interessieren. Und wenn dann tatsächlich jemand gefunden wurde, behandeln wir ihn teilweise so, als müsse er zunächst beweisen, dass er überhaupt das Recht hat, in diesem Unternehmen zu sein. Der Azubi wird für Tätigkeiten eingesetzt, die mit seiner Ausbildung nichts zu tun haben, erledigt die Aufgaben, auf die sonst niemand Lust hat, und bekommt anschließend noch erklärt, dass er gefälligst dankbar sein soll, überhaupt eine Ausbildung machen zu dürfen. Das ist für mich keine Mitarbeiterbindung. Das ist das Gegenteil davon.
Natürlich muss ein Auszubildender nicht vom ersten Tag an komplexe Aufgaben alleine erledigen. Er braucht Anleitung, Kontrolle und jemanden, der ihm Dinge erklärt. Aber zwischen einer sinnvollen Ausbildung und dem klassischen „Der Azubi macht den Mist, auf den sonst keiner Lust hat“ liegt ein gewaltiger Unterschied. Wer junge Menschen gewinnen und langfristig an sein Unternehmen binden möchte, sollte sie möglichst früh in echte Arbeitsabläufe einbeziehen. Denn ein Unternehmen investiert drei oder dreieinhalb Jahre in einen Auszubildenden. Zeit, Geld, Wissen und die Arbeitszeit von Ausbildern und Kollegen. Nach bestandener Prüfung steht im besten Fall ein hervorragend ausgebildeter Mitarbeiter zur Verfügung, der das Unternehmen und seine Abläufe kennt. Diese Chance einfach wegzuwerfen, weil man an Denkweisen festhält, die vielleicht vor 30 oder 40 Jahren funktioniert haben, halte ich für wirtschaftlich fahrlässig.
Denn ein junger Mensch merkt sehr schnell, wie ein Unternehmen mit ihm umgeht. Und er spricht darüber. Mit Freunden, anderen Auszubildenden, der Berufsschule oder irgendwann auf Social Media. Wer heute einen Azubi schlecht behandelt, verliert möglicherweise nicht nur diesen einen Mitarbeiter, sondern erschwert sich gleichzeitig die Suche nach dem nächsten. Das ist nicht nur eine Frage von Wertschätzung. Das ist eine unternehmerische Frage.
Arbeit muss einen Sinn haben
Ich selbst bin gelernter Werkzeugmechaniker und kenne die praktische Ausbildung deshalb nicht nur aus Erzählungen. Wer sich mit Ausbildungsberufen wie Werkzeugmechaniker, Zerspanungsmechaniker oder Industriemechaniker beschäftigt, kennt das Prinzip: Am Anfang werden Grundlagen vermittelt. Feilen, Sägen, Bohren, Messen und andere handwerkliche Tätigkeiten gehören dazu. Dabei entstehen Werkstücke, die anschließend nicht selten in einer Vitrine landen oder irgendwann im Schrottcontainer verschwinden. Das kann sinnvoll sein, wenn es darum geht, eine bestimmte Fähigkeit zu erlernen. Aber irgendwann muss die Frage erlaubt sein: Warum mache ich das eigentlich?
In meiner eigenen Ausbildung war es so, dass die Werkstücke, vom Prüfungsstück einmal abgesehen, unmittelbar für die Produktion vorgesehen waren. Natürlich ging dabei manchmal etwas schief. Natürlich musste etwas nachgearbeitet werden. Aber für mich machte es einen erheblichen Unterschied, ob ich etwas herstelle, das anschließend tatsächlich gebraucht wird, oder ob ich etwas produziere, nur damit ich beschäftigt bin. Wenn ich weiß, dass mein Werkstück später in einem Werkzeug eingesetzt wird, entsteht eine ganz andere Verbindung zu meiner Tätigkeit.
Genau hier liegt für mich ein entscheidender Punkt in der Diskussion um Gen Z. Menschen wollen nicht einfach nur beschäftigt werden. Sie wollen verstehen, wofür sie etwas tun. Das gilt übrigens nicht nur für junge Menschen. Auch eine erfahrene Fachkraft möchte nicht dauerhaft Tätigkeiten ausführen, deren Zweck sie nicht nachvollziehen kann. Gen Z spricht diese Frage vielleicht nur deutlicher aus als Generationen vor ihr. Und vielleicht sollten Unternehmen genau deshalb zuhören.
Denn wenn ein Mitarbeiter versteht, welchen Beitrag seine Tätigkeit zum Unternehmen leistet, verändert das seinen Blick auf die eigene Arbeit. Ein Azubi, der an echten Aufgaben mitarbeitet, bekommt einen anderen Bezug zu seinem Beruf als jemand, der wochenlang Tätigkeiten erledigt, die mit seiner Ausbildung kaum etwas zu tun haben. Ein neuer Mitarbeiter, dem man etwas zutraut, findet schneller seinen Platz im Unternehmen. Und wer erkennt, dass die eigene Tätigkeit gebraucht wird, hat einen konkreten Grund, sich einzubringen.
Gerade bei Auszubildenden halte ich das für entscheidend. Wer einem jungen Menschen von Anfang an vermittelt: „Du bist nur der Azubi“, darf sich nicht wundern, wenn dieser irgendwann genau das glaubt. Wer dagegen zeigt: „Du lernst hier nicht nur, du wirst gebraucht“, schafft eine völlig andere Ausgangssituation.
Wir haben Arbeit kaputt gemacht, nicht die Gen Z
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, die Diskussion über Gen Z ausschließlich unter dem Stichwort „Arbeitsmoral“ zu führen. Natürlich haben junge Menschen andere Vorstellungen davon, wie sie arbeiten möchten. Natürlich müssen sich Unternehmen darauf einstellen. Aber daraus automatisch abzuleiten, dass eine komplette Generation faul ist, macht es sich zu einfach. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir selbst einen erheblichen Anteil daran, wie Arbeit heute in vielen Unternehmen aussieht.
Wir haben über Jahre Strukturen geschaffen, in denen Beschäftigung häufig mit Arbeit verwechselt wurde. Wir haben Menschen Aufgaben gegeben, ohne den Zusammenhang zu erklären. Wir haben Hierarchien aufgebaut, in denen ein Vorgesetzter recht hatte, weil er Vorgesetzter war. Wir haben Mitarbeiter klein gehalten und uns anschließend darüber gewundert, dass sie keine Eigeninitiative zeigen. Und wenn dann jemand fragt: „Warum machen wir das eigentlich so?“, nennen wir ihn schwierig, undankbar oder faul.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir umdenken müssen. Nicht jede kritische Frage ist ein Zeichen mangelnder Arbeitsbereitschaft. Nicht jeder Wunsch nach mehr Verantwortung ist eine überzogene Erwartung. Und nicht jeder Wunsch nach guter Führung ist Ausdruck einer verwöhnten Generation.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Führungskräfte jedem Wunsch ihrer Mitarbeiter nachgeben müssen. Gute Führung bedeutet nicht, es allen recht zu machen. Sie bedeutet, Klarheit zu schaffen, Erwartungen zu formulieren, Orientierung zu geben und Menschen zuzutrauen, ihren Beitrag zu leisten. Dazu gehören auch Grenzen. Ein Azubi muss nicht alles dürfen. Ein Mitarbeiter muss nicht jede Entscheidung selbst treffen. Und selbstverständlich gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen, auch wenn sie nicht besonders spannend sind.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen einer notwendigen Aufgabe und einer sinnlosen Beschäftigung. Zwischen einem Auszubildenden, der Grundlagen lernt, und einem, der bewusst für die Aufgaben eingesetzt wird, auf die niemand sonst Lust hat. Zwischen einem Mitarbeiter, dem man Verantwortung gibt, und einem, dem man sie grundsätzlich vorenthält.
Unternehmer sollten deshalb vielleicht eine andere Frage stellen. Nicht: „Warum ist die Gen Z so faul?“ Sondern: „Was tun wir eigentlich dafür, dass Menschen bei uns gerne gute Arbeit machen?“
Denn Mitarbeiterbindung beginnt lange vor der Kündigung. Sie beginnt bei den Erfahrungen, die ein Mensch im Unternehmen macht. Und manchmal entscheidet sich schon während der Ausbildung, ob jemand sich vorstellen kann, diesem Unternehmen auch nach seiner Prüfung treu zu bleiben, oder ob er sich rechtzeitig nach einer Alternative umsieht.
Fazit
Gen Z ist nicht faul. Zumindest nicht pauschal. Es gibt leistungsbereite und weniger leistungsbereite Menschen, das hat es in jeder Generation gegeben.
Was sich verändert hat, ist die Bereitschaft, sinnlose Arbeit, schlechte Führung und fehlende Wertschätzung einfach hinzunehmen. Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, warum die Gen Z keine Lust auf Leistung hat, und stattdessen fragen:
Was tun wir eigentlich dafür, dass Menschen bei uns Lust auf Leistung bekommen?
Denn Mitarbeiterbindung beginnt nicht bei der nächsten Recruiting-Kampagne. Sie beginnt bei der Frage, wie wir mit den Menschen umgehen, die bereits bei uns arbeiten.
Leistung entsteht aus Lust, nicht aus Druck.
Mit dem Wunsch nach einer Veränderung verbleibe ich mit besten Grüßen!
Ihr
Christian Milerski