Wann Sie es besser lassen sollten

Das gegenteil von gut ist Stumpfsinnigkeit

Einleitung

Nach einem meiner Vorträge kam eine Teilnehmerin auf mich zu und schilderte mir eine Situation, die selbst mich überrascht hat. Dabei dachte ich, ich hätte durch meine Erfahrungen im Recruiting schon einiges gehört.

Ihr Einstieg: „Mein Chef ist an Respektlosigkeit kaum zu übertreffen.“
Meine erste Reaktion war eher gelassen, bis sie mir die Geschichte erzählte. Und ja: In diesem Fall hat es mich tatsächlich schockiert.

Es geht um die Frage, wie tief ein Niveau noch sinken kann und warum manche Arbeitgeber es trotzdem schaffen, noch darunter zu gehen.

Wenn ein Abschied alles zerstört

Die Frau, mit der ich sprach, ist Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Unternehmen der Holzbranche. Acht Mitarbeitende führt sie direkt, insgesamt arbeiten dort etwas mehr als 40 Personen.

Einer ihrer Mitarbeiter stand nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit kurz vor dem Ruhestand. Ein langes Arbeitsleben mit Höhen und Tiefen, darunter auch eine überstandene Alkoholabhängigkeit. Seit 15 Jahren ist der Mann trocken. Und das weiß im Unternehmen jeder. Auch die Geschäftsführung.

Was dann folgte, ist kaum zu glauben:

Als Abschiedsgeschenk wurde eine Flasche schottischer Whisky ausgewählt.

Die Abteilungsleiterin hinterfragte diese Entscheidung aus naheliegenden Gründen. Die Antwort ihres Chefs: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Sie weigerte sich, das Geschenk zu überreichen. Daraufhin übernahm der Geschäftsführer selbst diese Aufgabe, vor versammelter Belegschaft, begleitet von sichtbarem Unverständnis im Raum.

Der Mitarbeiter nahm das Geschenk entgegen und verließ wortlos das Unternehmen.

Standardisierung endet dort, wo Denken beginnt

Natürlich ist es nachvollziehbar, wenn Unternehmen bei bestimmten Anlässen auf einheitliche Geschenke setzen. Das spart Zeit und schafft Struktur.

Aber genau hier liegt der entscheidende Punkt:
Standardisierung darf kein Ersatz für gesunden Menschenverstand sein.

Wenn offensichtlich ist, dass ein „Standard“ im konkreten Fall unpassend oder sogar verletzend ist, muss davon abgewichen werden. Alles andere ist kein Prozess sondern Ignoranz.

Wer bewusst an einem Vorgehen festhält, obwohl die negativen Konsequenzen klar sind, handelt respektlos. Punkt.

Was dieser Moment für den betroffenen Mitarbeiter bedeutet haben muss, lässt sich kaum in Worte fassen. Nach 30 Jahren Zugehörigkeit so verabschiedet zu werden, ist mehr als unglücklich, es ist entwürdigend.

Und die Wirkung endet nicht bei einer Person.

Die eigentliche Tragweite

Solche Situationen haben immer zwei Ebenen:

Die direkte Wirkung auf den betroffenen Mitarbeiter
Die indirekte Wirkung auf alle, die zuschauen

Gerade der zweite Punkt wird häufig unterschätzt.

Die gesamte Belegschaft hat diesen Moment erlebt. Jeder hat gesehen, wie hier mit einem langjährigen Kollegen umgegangen wurde. Und jeder zieht daraus seine eigenen Schlüsse.

Wenn Sie sich fragen, wie man den eigenen Ruf als Arbeitgeber nachhaltig beschädigt, genau so.

Niemand aus diesem Team wird künftig guten Gewissens eine Empfehlung für dieses Unternehmen aussprechen.

Und genau das ist der Punkt:
Der letzte Eindruck bleibt.

Wie es besser geht

Dabei ist die Lösung oft erstaunlich simpel.

Ich erinnere mich an einen Fall, in dem ein Unternehmen unsicher war, welches Abschiedsgeschenk passend wäre. Also hat man kurzerhand die Ehefrau des Mitarbeiters einbezogen.

Ein einfacher Schritt mit maximaler Wirkung. Denn die Wahrscheinlichkeit, danebenzugreifen, sinkt damit gegen null.

Eine weitere Möglichkeit: den Mitarbeiter selbst fragen.

Ja, das klingt zunächst ungewohnt. Aber warum eigentlich?
Ein festgelegtes Budget, ein kurzes Gespräch und Sie stellen sicher, dass die Geste auch wirklich als Wertschätzung ankommt.

Denn genau darum geht es

In meinen Gesprächen mit Bewerbern zeigt sich immer wieder: Wertschätzung ist kein „Nice-to-have“. Sie ist einer der zentralen Faktoren bei der Arbeitgeberwahl.

Und sie zeigt sich eben nicht nur in großen Programmen, sondern vor allem in den kleinen, konkreten Momenten.

Fazit

Sobald klar ist, dass ein standardisiertes Vorgehen im Einzelfall zu einem schlechten Ergebnis führt, gibt es nur eine richtige Entscheidung: davon abweichen.

Respekt und Wertschätzung zeigen sich im Detail.
Und genau dort werden sie entweder glaubwürdig oder eben nicht.

Mit der Hoffnung, dass solche Beispiele die Ausnahme bleiben.

Ihr
Christian Milerski