Warum eine Work-Life-Balance gar nicht möglich ist

Wir wollen etwas trennen, dass sich nicht trennen lässt

Einleitung

Heute habe ich bei der Arbet meine kollegen mal genau beobachtet und dabei ist mir eine Sache aufgefallen. Alle, ja wirklich alle, sind lebendig. Ich arbeite nicht mit verstorbenen zusammen.

Seit Jahren begegnet uns ein Begriff immer wieder: Work-Life-Balance. Unternehmen werben damit, Coaches predigen sie und in Stellenanzeigen gehört sie mittlerweile fast zum Standard. Die Botschaft dahinter scheint klar zu sein: Arbeit und Leben müssen im Gleichgewicht stehen.

Doch genau hier beginnt das Problem

Denn dieser Begriff vermittelt den Eindruck, als wäre Arbeit etwas, das außerhalb unseres eigentlichen Lebens stattfindet. Als müssten wir zwei völlig getrennte Welten irgendwie miteinander in Einklang bringen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Wir verbringen einen erheblichen Teil unseres Lebens am Arbeitsplatz. Wir lachen dort, wir ärgern uns, wir entwickeln Ideen, wir schließen Freundschaften, wir erleben Erfolge und Rückschläge. Arbeit ist kein Gegenpol zum Leben, sondern ein Teil davon.

Das lässt sich nicht trennen

Wer versucht, Arbeit und Leben strikt voneinander zu trennen, kämpft häufig gegen etwas, das sich gar nicht trennen lässt. Unsere Gedanken nehmen wir mit nach Hause. Ein schönes Erlebnis am Arbeitsplatz hebt unsere Stimmung am Abend. Ein Konflikt mit einer Führungskraft begleitet uns vielleicht sogar bis ins Wochenende. Genauso bringen wir private Sorgen mit zur Arbeit. Niemand kann morgens einen Schalter umlegen und seine Persönlichkeit für acht Stunden ausschalten. Wir sind immer derselbe Mensch, unabhängig davon, ob wir gerade im Büro, in der Werkhalle oder auf dem Sofa sitzen. Hinzu kommt, dass sich unsere Lebensrealität verändert hat. Dank Smartphones, Homeoffice und digitaler Kommunikation verschwimmen die Grenzen zunehmend. Viele beantworten abends noch eine Nachricht oder denken unterwegs über berufliche Themen nach. Gleichzeitig erledigen Menschen während der Arbeitszeit private Dinge, vereinbaren Arzttermine oder organisieren den Familienalltag. Die Vorstellung, Arbeit und Leben ließen sich sauber voneinander trennen, passt schlicht nicht mehr zu unserer heutigen Realität

Der bessere Weg.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, nach einer perfekten Balance zwischen Arbeit und Leben zu suchen. Viel sinnvoller wäre die Frage: 

Wie schaffen wir ein Arbeitsumfeld, das sich wie ein wertvoller Bestandteil unseres Lebens anfühlt?

Menschen verbringen oft mehr wache Zeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen als mit ihrer Familie. Wenn diese Zeit von Wertschätzung, Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und einem respektvollen Miteinander geprägt ist, entsteht etwas viel Größeres als eine vermeintliche Balance. Dann wird Arbeit nicht mehr als notwendiges Übel empfunden, sondern als ein Ort, an dem Menschen gerne einen Teil ihres Lebens verbringen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Aufgabe guter Führung: nicht das Leben außerhalb der Arbeit zu verbessern, sondern die Zeit während der Arbeit zu einer positiven Lebenserfahrung zu machen.

Fazit

Vielleicht brauchen wir gar keine Work-Life-Balance. Vielleicht brauchen wir Unternehmen, die verstehen, dass ihre Mitarbeiter nicht nur Arbeitskräfte sind, sondern Menschen, die ihr Leben jeden Tag mit zur Arbeit bringen.

Denn wir leben nicht erst nach Feierabend.

Wir leben auch zwischen der ersten Besprechung am Morgen, dem Gespräch mit Kollegen, einer erfolgreich gelösten Aufgabe oder einer wertschätzenden Rückmeldung der Führungskraft.

Wer das versteht, wird aufhören, Arbeit und Leben gegeneinander aufzuwiegen und anfangen, beides als das zu sehen, was es längst ist: ein gemeinsames Ganzes.

Mit dem Wunsch, dass wir Beruf wieder von Berufung abstammen lassen oder zumindest Arbeit nicht mehr als notwendiges Übel betrachten, verbleibe ich mit besten Grüßen!

Ihr

Christian Milerski